Nr. 5 | Mai 2012

Editorial

 

Liebe Freunde, Kollegen, Medienschaffende,

na?! Mal wieder abgenervt? Die Temperaturen steigen, die Sonne blinzelt, und Ihr - sitzt am Schreibtisch. Euch reicht's, schließlich war der Winter wieder mal lang genug, weil aber keine Zeit für Urlaub ist, bucht Ihr kurzentschlossen einen Kurztrip.

Eine Städtereise vielleicht? Oder schnell mal was Billiges, ist ja nur für ein paar Tage, dann geht auch ein müffeliges Hotel, Hauptsache, vor Ort ist es schön - Halt! Erst mal: unsere neue Ausgabe lesen! Und dann ganz sicher: im Bett bleiben (von Frühstückskrümeln pieksen lassen), ins Hallenbad gehen (Kacheln zählen kann auch Spaß machen), auf dem Balkon grillen (geht auch unterm Regenschirm), Freunde zum Essen einladen (die kleinen Meinungsverschiedenheiten vom letzten Mal werden sicher beigelegt), den Fernseher anknippsen und einen schönen Film gucken (analog lieber eine DVD einlegen)...

Euch werden 1000 Freizeitgestaltungsmöglichkeiten einfallen, wenn Ihr nur - wie wir - inspiriert von Dietmar Bittrich - diese Escapade-Ausgabe gesehen und gelesen habt. Lasst uns darauf anstoßen,

Eure,
Flora Jörgens und Silke Vogten

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»Bier in Prag - oder: was wollten wir noch hier?« von Flora Jörgens

Kurztrip Tschechien

Prag

Für die einen ist es die Stadt des Bieres und der Speckknödel. Für die anderen ein Disneyland zu überhöhten Eintrittspeisen. Für den Reiseschriftsteller Bruce Chatwin war sie "eine einzige Touristenfalle". Für den Kollegen Rilke ein Grund, wegzuziehen. Dem dichtenden Präsidenten Václav Havel schien im rauchigen Winternebel jedes Atemholen in den Straßen "wie ein geteerter Lungenzug". Das meinte er positiv. Taschendiebe nennen Prag die "goldene Stadt". Sieben Millionen Touristen pro Jahr kommen mit vollen Taschen und großen Erwartungen und sind dankbar, wenn sie von beidem befreit wieder nach Hause fahren dürfen.

Kurztrip Italien I

Uffizien in Florenz

Das laut Picasso "deprimierendste Kunstgefängnis des Abendlandes" beherbergte ursprünglich die Verwaltung der Stadt, bis im Laufe weniger Jahre dreiundzwanzig Beamte in den bedrückenden Räumen Selbstmord begingen. Seither müssen stündlich wechselnde Wärter die inhaftierten Gemälde und die zur Besichtigung verdammten Touristen bewachen. Kenner bleiben draußen, genießen den Anblick der Schlangen am Eingang, zitieren Picasso und gehen Kaffee trinken.

Kurztrip Italien II

Markusplatz in Venedig

Man kennt den Platz und die ihn umgebenden Fassaden. Nur sieht er auf Fotos und Canaletto-Gemälden stiller aus. Es ist laut hier, auch ohne Autos. Der italienische Vogelschutzverband hat den Platz zum elegantesten Taubenklo der Welt gewählt. Das marmorne Pflaster ist zugleich Ort der dauerhaftesten Menschenversammlung der Welt, nicht mal die Teilnehmer scheinen zu wechseln. Sie sehen immer gleich aus. Die Schlangen vor Dom und Dogenpalast verleiten zu der irrigen Vermutung, im einen oder anderen gebe es etwas zu sehen. Doch wer sich durch den Dom schieben lässt, sieht trübe Mosaiken. Und im Dogenpalast herrscht die Ödnis großer leerer Räume. Den einzeln stehenden Glockenturm besteigt nur, wer unbedingt das Bild live sehen will, das von der oben befestigten Webcam gesendet wird.

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»Play Misty for me! - am Markusplatz« von HJ Bremen

Kurztrip Frankreich

Louvre in Paris

Pop-Artist Andy Warhol riet zum Besuch dieses Museumspalastes, weil man hier "die eindrucksvollste Versammlung von Heuchlern" antreffe. Acht Millionen Besucher pro Jahr (zwanzigtausend am Tag) tun so, als würden sie sich für Rembrandt und Rubens interessieren und für die Schlafsäle mit ägyptischen, orientalischen, römischen, griechischen, etruskischen Altertümern, zu schweigen von Möbeln, Textilien, Suppengeschirr. Das laut Henri Matisse "zweitdümmste Gesicht der Porträtmalerei" hängt ebenfalls hier, die Mona Lisa, wegen der kurzsichtigen Studienreisenden unter Panzerglas. Matisse verriet nie, welches er für das dümmste Gesicht hielt. Das von Paris selbst? Der verblichene François Mitterrand nannte die gläserne Eingangspyramide des Louvre einen "Pickel im Gesicht von Paris". Von den zahllosen Hautunreinheiten ist sie noch eine der bestgeputzten. Ein Muss im Louvre: die Toiletten in der Antikenabteilung.

Kurztrip Türkei

Großer Basar in Istanbul

Das überdachte Gängeviertel namens Großer Basar gehört zum Schnupperprogramm "Orient - beinahe echt". Hier gibt es alles, was keiner haben will. Kreischbunte Stoffe, schnörkelige Hängelampen, behämmerte Kessel, geklontes Gemüse, klapprige Smartphones, verpilzte Gewürze, siruptriefendes Gebäck, türkische Blusen, türkische Hemden, türkische Hosen, türkische Schuhe, schartenfreie Messer zum Schächten und Spaten zum Eingraben widerspenstiger Töchter. Die von den Händlern genannten Preise lassen sich um die Hälfte drücken und sind dann nur noch doppelt so hoch wie die Preise für gleiche Ware außerhalb.

Kurztrip Ägypten

Im Tal der Könige

Hört sich prächtig an, ist aber nur ein staubiges Wüstental gegenüber von Luxor auf der anderen Nilseite. Absperrgitter wie in Disneyland lotsen die Warteschlangen an gnadenlosen Folterknechten vorbei: schwitzenden Souvenirhändlern, die jeden Besucher komplett mit "Ramsches" ausrüsten möchten, wie sie es nennen. Der halbe Kilometer bis zum eigentlichen Eingang wird so zur gefühlten letzten qualvollen Todesmeile. Das Tal selbst besteht aus Sand und Fels und Schachteingängen. Von angeblich über sechzig sollen sich zehn Grabkammern lohnen. Von denen sind immer drei geöffnet - wechselweise und verlässlich so, dass man denkt, die anderen wären toll gewesen. Sind aber alle nur heiß und stickig. Fotografieren ist wegen ein paar schwächelnder Wandgemälde verboten.

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»Da rauf? Nee, da rein« von Regina Janssen

Kurztrip Spanien

Córdoba

Individualreisende zerschrammen hier ihre Leihwagen. Die Gassen sind nicht breiter als eine Mülltonne und werden auch ähnlich genutzt. Alle Fremden streben zu einem einzigen Ort: zur Mesquita. Das ist eine Halle mit vielen hundert Säulen, die im Mittelalter als Moschee erbaut worden ist. In den rotgrauen Säulenwald wurde vor fünfhundert Jahren eine Kathedrale gesetzt. Studienreisende dünken sich tolerant und edel, wenn sie diesen Einbau tadeln. Tatsächlich passt er so gut in die Moschee wie ihr Reisebus auf den Vorplatz.

Alle Texte: Dietmar Bittrich

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»Das Geschäft ist umgezogen. Sicher besser so« fand Regina Janssen

Als Betriebsingenieur in der Fernsehaußenübertragung kam Hermann-Josef Bremen viel herum. Gerade fotografiert er im Elsass, rein privat. - Regina Janssen arbeitet in der Luft und im Studio, ihre Kamera-Motive schaut sie sich vom Boden aus an - Alle Texte sind Auszüge aus dem Anti-Reiseführer "Alle Orte, die man knicken kann" von Dietmar Bittrich. Der Autor, preisgekrönter Satiriker, liefert noch andere hilfreiche Tipps in seinem Buch, zum Beispiel wie man lästige Mitreisende los wird... erschien im April überarbeitet bei Rowohlt.

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Das Buch »Alle Orte, die man knicken kann« von Dietmar Bittrich

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»Regnet immer noch in Italien« von HJ Bremen

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Kommentare 

 
#1 Rainer Resch 2012-04-30 10:26
Hallo Silke, hallo Flora,

wieder eine gelungene Reiseausgabe. Jetzt weiß ich wieder, warum reisen nur schön ist, wenn man diese Rummelplätze großzügig umgeht. Und dazu habt Ihr noch die passenden Fotos gefunden. Super.

Rainer